50 Jahre Museum Ludwig – Zwischen Punkten, Spiegeln und neuen Perspektiven
Das Museum Ludwig feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen – und bietet aktuell gleich zwei Ausstellungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die ausverkaufte Retrospektive der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama trifft auf „HIER UND JETZT: De/Collecting Memories from Turtle Island“, eine Ausstellung, die Geschichte, Erinnerung und Perspektivwechsel in den Mittelpunkt stellt.
Direkt neben dem Kölner Dom wird schnell deutlich: Das Museum Ludwig ist weit mehr als ein Zuhause für Picasso, Pop Art und zeitgenössische Kunst. Es ist ein Ort zum Staunen, Entdecken und Innehalten.
Zunächst tauche ich in Kusamas Welt ein. Bereits nach dem Ticket-Check verändert sich die Atmosphäre. Die Ausstellung ist hervorragend besucht, überall werden Fotos und Videos gemacht, Informationen über Audioguides oder Smartphone-Apps gehört. Ein Museumsmitarbeiter verrät, wo Geduld gefragt ist: Vor allem vor dem Dachterrassen-Spiegelraum und dem von leuchtenden Punkten überzogenen Wohn- und Schlafzimmer bilden sich meist die längsten Warteschlangen. Die farbenfrohen Gemälde rund um das Kaleidoskop wecken bei mir Erinnerungen an meine Australienreise und die faszinierende Punktmalerei der Aborigines – intensiv, lebendig und voller Energie.
Nach den leuchtenden Farben und unendlichen Spiegelwelten wirkt der Wechsel in „HIER UND JETZT: De/Collecting Memories from Turtle Island“ beinahe wie ein bewusster Schritt aus der Fantasie zurück in die Realität. Hier wird es spürbar ruhiger. Besucher nehmen sich Zeit, lesen, verweilen und lassen die Werke auf sich wirken.
Besonders in Erinnerung bleibt mir Marie Watts „Thirteen Moons“. Die Installation besteht aus unzähligen kleinen Schellen, gefertigt aus aufgerollten Deckeln von Tabakdosen. Das Werk darf ausdrücklich berührt werden – erst durch die Bewegung der Besucher entstehen leise Klänge, die Teil der Inszenierung werden. Marie Watt greift damit Traditionen indigener Gemeinschaften auf, in denen gemeinschaftliches Erleben, Erinnerung und die Verbundenheit mit der Natur eine zentrale Rolle spielen. Kunst wird hier nicht nur betrachtet, sondern erlebt.
Zwischendurch lohnt sich immer wieder ein Blick aus den Fenstern oder ein kurzer Moment auf der Dachterrasse. Der Dom, die ein- und ausfahrenden Züge des Hauptbahnhofs und – mit etwas Glück – das Glockenläuten schaffen einen Kontrast, der fast genauso eindrucksvoll ist wie die Kunst im Inneren. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, sollte auch die hochkarätige Sammlung mit Werken von Picasso, Warhol, Lichtenstein und vielen weiteren Künstlerinnen und Künstlern entdecken.
Kurzentschlossene aufgepasst: Für die letzten Tage der ausverkauften Kusama-Ausstellung gibt es noch eine besondere Möglichkeit. Im Rahmen einer Nachtöffnung hat das Museum am Samstag, 1. August, und Sonntag, 2. August 2026, jeweils bis 2 Uhr morgens geöffnet. Wer etwas Geduld mitbringt, hat hier noch die Chance, die außergewöhnliche Ausstellung zu erleben.
Mit diesen beiden Ausstellungen zeigt das Museum Ludwig eindrucksvoll, wie unterschiedlich Kunst wirken kann: mal überwältigend und verspielt, mal leise und nachdenklich. Gerade diese Gegensätze machen den Besuch besonders reizvoll.
Auch nach dem Ende der Kusama-Ausstellung bleibt das Museum Ludwig für mich eine der spannendsten Kunstadressen Deutschlands – und „HIER UND JETZT: De/Collecting Memories from Turtle Island“ ist bis zum 8. November 2026ein hervorragender Grund, wiederzukommen. Zwischen Dom und Rhein zeigt das Museum Ludwig eindrucksvoll, dass Kunst nicht nur betrachtet, sondern erlebt werden will – manchmal laut und spektakulär, manchmal leise und nachhallend.
Redakteur: Dr. Simone Becker