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Der Portugisische Jakobsweg

Die ersten zehn Kilometer ohne Pfeil
Rund 280 Kilometer liegen zwischen der Kathedrale von Porto und Santiago de Compostela, fast durchgehend am Atlantik. Wer die Küstenvariante allein läuft, merkt schon am ersten Tag, dass der Weg leicht ist und der Kopf die eigentliche Arbeit macht. Ein Aufbruch in acht Teilen.

Vor der Kathedrale von Porto steht ein Steinpfosten mit einer Muschel. Kurz nach acht, Mitte Mai, der Himmel hängt tief über der Ribeira. Den Pilgerausweis habe ich am Vortag drinnen geholt, zwei Euro. Jetzt geht es los, und das Erste, was mir auffällt, ist ein Fehlen: Es gibt keine Pfeile.
Die ersten zehn Kilometer aus Porto heraus sind nicht markiert. Sie müssen es nicht sein. Ich steige zum Fluss hinunter und folge dem Douro nach Westen, das Wasser links. Die Stadt zieht vorbei wie ein Film, den ich nicht angehalten habe. Lastkähne, Jogger, Möwen. Dann Foz, wo der Fluss aufhört und der Atlantik anfängt.

Die ersten Stunden allein sind laut. Nicht draußen. Drinnen. Ich zähle Kilometer, kontrolliere die App, überlege, ob die Schuhe drücken, ob ich zu schnell gehe, ob abends ein Bett frei ist. Die Gedanken drehen sich um Logistik, weil Logistik bequem ist. Sie füllt den Platz.
Die App auf meinem Handy heißt Camino Ninja. Sie kennt jede Abzweigung, jeden Ort mit Herberge, jedes Café am Weg. In den ersten Stunden schaue ich alle zwanzig Minuten hinein. Später vergesse ich sie stundenlang.
In Matosinhos knickt der Weg ins Hafenviertel ab, über die bewegliche Brücke am Leça, vorbei an Kränen und Containern. Erst danach beginnt das, was diese Route ausmacht: Holzstege. Ab etwa Kilometer fünfzehn gehe ich fast nur noch auf ihnen. Bretter über Dünen, Sand darunter, links das Meer. Der Untergrund federt. Die Schritte bekommen einen Takt, und irgendwann mache ich ihn nicht mehr, sondern gehe nur noch in ihm.

Wer zu zweit läuft, redet hier. Wer allein läuft, hat nichts, womit er das Schweigen zudecken könnte.

Voll ist es trotzdem. Im Mai 2025 kamen über 74.000 Pilger in Santiago an, mehr als in jedem anderen Monat außer September. Auf diesem Weg ist niemand für sich. Aber allein unterwegs sein heißt etwas anderes als einsam sein. Vor mir zwei Rucksäcke, hinter mir einer, dazwischen dreihundert Meter, die keiner aufhebt.
Am späten Nachmittag Vila Chã, Kilometer 26. Ein Strandort, zwei Restaurants, eine öffentliche Herberge. Die Beine wissen, dass sie gelaufen sind. Der Kopf ist leiser als am Morgen. Und das war der erste Tag.

Der Tag, an dem die Beine mitreden
Nach dem Aufbruch kommt der Tag, an dem der Körper reklamiert. Zwischen Vila do Conde und Esposende läuft der Weg fast durchgehend über Holzstege, immer am Meer entlang. Die Strecke fordert wenig. Der Kopf umso mehr.

Der zweite Tag beginnt mit einer Enttäuschung. Ich dachte, ich hätte mich eingelaufen. Habe ich nicht. Die ersten Kilometer aus Vila Chã heraus sind eine Verhandlung zwischen linker Ferse und Kopf, und die Ferse gewinnt jedes Argument.
Dann Vila do Conde. Die Stadt hat ein Aquädukt, das man nicht übersehen kann, weil es mitten hindurchläuft. Angefangen 1626, fertig erst 1714, das zweitlängste Portugals. Von den angeblich 999 Bögen steht längst nicht mehr alles. Ich zähle keine. Ich gehe daran entlang und merke, dass ich zum ersten Mal etwas ansehe, ohne dabei auszurechnen, wie weit es noch ist.
Danach Póvoa de Varzim, direkt anschließend, ohne erkennbare Naht. Badeort, Hochhäuser, Fischereihafen. Es ist der städtischste Abschnitt seit Porto und der lauteste.
Und dann hört es auf.

Nördlich von Póvoa wird der Weg zu dem, was er die nächsten Tage bleibt: Bretter über Dünen. Aguçadoura, Apúlia, Felder bis fast an den Strand, Wind von links. Ein Steg, ein Knick, wieder ein Steg. Nach zwei Stunden hört man auf, in die Ferne zu schauen, und schaut nur noch auf die nächsten drei Meter Holz. Es ist eintönig, und die Eintönigkeit ist der Punkt.
Denn hier passiert das, wofür man allein geht. Die Logistik ist abgearbeitet. Das Bett für heute Abend steht, die Strecke ist klar, die Ferse hat sich beruhigt. Es bleibt Platz, und der Platz füllt sich mit dem, was sonst keinen bekommt. Bei mir waren es Dinge, die Jahre alt sind und nie zu Ende gedacht wurden.
Das ist der unangenehme Teil. Wer zu zweit geht, kann ihn überspringen. Man redet, die Kilometer vergehen, abends war es ein schöner Tag. Allein geht das nicht. Es kommt, ob man will oder nicht.

Am Nachmittag schiebt sich der Cávado quer in den Weg. Der Fluss zwingt einen landeinwärts, über die Brücke, dann wieder zurück Richtung Wasser. Esposende liegt an seiner Mündung, und der Ort ist klein genug, dass man in einer halben Stunde alles gesehen hat.
Zwei Tage, siebenunddreißig Kilometer, kein Gespräch länger als drei Sätze. Ich habe mich nicht einsam gefühlt. Ich habe mich sortiert gefühlt, und das ist etwas anderes.

Eine Stadt ist eine Versuchung
Viana do Castelo ist die erste richtige Stadt seit Porto. Sie hat einen Berg, eine Brücke von Eiffels Firma und alles, was man braucht, um einen Tag länger zu bleiben. Genau das macht sie gefährlich.

Esposende verlässt man über die Brücke und geht dann zurück ans Wasser. Der Weg nach Viana do Castelo ist der erste, auf dem ich ungeduldig werde. Nicht weil er hart wäre. Weil ich weiß, was am Ende steht.
Marinhas, Castelo do Neiva, Amorosa. Dünen, Kiefern, wieder Bretter. Gegen Mittag sehe ich den Berg. Santa Luzia steht über der Stadt, und man sieht die Basilika lange, bevor man irgendetwas anderes von Viana sieht. Sie wächst den ganzen Nachmittag. Das ist eine merkwürdige Art, sich einem Ziel zu nähern: Man schaut stundenlang auf etwas, das man nicht betreten muss.
Denn der Weg führt nicht hinauf. Er führt an der Mündung des Lima entlang in die Stadt hinein, vorbei an der Eisenbahnbrücke, die aus der Firma von Gustave Eiffel stammt und immer noch Züge trägt.
Viana ist die erste richtige Stadt seit Porto. Es gibt Cafés, in denen Leute sitzen, die nirgendwohin müssen. Es gibt Hotels statt Herbergen, Schuhgeschäfte, eine Altstadt, eine Waschmaschine. Nach vier Tagen ist das kein kleines Argument. Und es gibt den Gedanken, der hier zum ersten Mal auftaucht: einen Tag bleiben.

Zu zweit hätte ich vermutlich Ja gesagt. Zu zweit findet man immer einen, der auch müde ist.
Allein wird die Frage ehrlicher. Es gibt niemanden, den man überzeugen muss, und niemanden, hinter dem man sich verstecken kann. Man merkt ziemlich schnell, ob man Erholung will oder nur eine Pause vom Alleinsein. Das sind zwei verschiedene Dinge, und sie fühlen sich am Anfang gleich an.

Ich bin abends trotzdem hinaufgestiegen. Freiwillig, ohne Rucksack, nach dem Einchecken. Der Weg hinauf ist steil und dauert eine gute halbe Stunde. Von oben sieht man, was man gelaufen ist: die Küste nach Süden bis dahin, wo sie im Dunst verschwindet. Es ist die erste Stelle auf diesem Weg, an der die Strecke als Ganzes sichtbar wird, und sie sieht kürzer aus, als sie sich angefühlt hat.
Am nächsten Morgen bin ich weitergegangen. Nicht aus Disziplin. Weil die Stadt am Abend genug gegeben hatte und das, was ich suchte, weiter nördlich lag.

Der letzte portugiesische Morgen
Zwischen Viana do Castelo und Caminha läuft der Weg so nah am Wasser wie nirgends sonst. Am Ende steht ein Fluss, den kein Steg überbrückt. Wer weitergehen will, muss aufs Boot.

Hinter Viana geht es kurz hinauf. Der Weg klettert auf einen Rücken über der Küste und bleibt dort, durch Carreço, durch Afife, streckenweise im Wald. Man sieht das Meer von oben und hört es, bevor man es wieder erreicht.
Am Wegrand stehen alte Forts, eines bei Carreço, und im Wald bei Afife liegt ein ehemaliges Benediktinerkloster. Man geht daran vorbei wie an Möbeln in einem fremden Haus. Ziegen grasen neben dem Pfad, dahinter das Meer.
Das ist der schönste Abschnitt der portugiesischen Seite, und er ist auch der stillste. Ich bin an diesem Vormittag zwei Menschen begegnet. Beide gingen in die andere Richtung.
In Vila Praia de Âncora, nach ungefähr achtzehn Kilometern, kommt der Weg zurück ans Wasser. Von der Festung Lagarteira an laufen die beiden Varianten wieder zusammen, die Küstenroute und die Senda Litoral. Ab hier gibt es wieder Pfeile.
Dann Moledo, wo der Weg kurz landeinwärts knickt, und dann Caminha.

Caminha liegt an der Mündung des Minho, und der Minho ist die Grenze. Am Uhrturm endet der portugiesische Teil dieses Weges. Drüben liegt Galicien, keine zwei Kilometer entfernt, und man sieht jedes Haus. Eine Brücke für Fußgänger gibt es nicht. Man setzt über.
Das ist der Moment, den ich aus keinem anderen Weg kenne. Die Bewegung hört auf. Man steht an einem Anleger, wartet, und zum ersten Mal seit vier Tagen entscheidet nicht man selbst, wann es weitergeht.
Wer zu zweit reist, füllt so eine Wartezeit. Man redet über das Wasser, über den Wind, über die Karte. Allein bleibt sie leer, und in dieser Leere fällt einem auf, was die letzten Tage mit einem gemacht haben. Ich war ruhiger als in Porto. Nicht zufriedener, nicht glücklicher. Ruhiger.

Abends in Caminha sind die Herbergen voll, und man sitzt plötzlich mit acht Leuten an einem Tisch, die alle dieselbe Strecke gelaufen sind. Es wird laut, es wird komisch, es wird spät. Das gehört dazu, und es ist der beste Teil des Tages.
Aber am nächsten Morgen sitzt jeder wieder in seinem eigenen Schritt. Genau so soll es sein.

Galicien ist lauter
Auf der spanischen Seite ändert sich alles. Die Küste wird felsig, der Wind härter, die Stege hören auf. Zwei Tage zwischen A Guarda und Baiona, und der Kopf ist inzwischen woanders als die Füße.

Der erste spanische Schritt ist ein Schritt von einem Boot auf einen Kai. Die Uhren bleiben gleich, die Sprache nicht. A Guarda, Fischereihafen, Häuser den Hang hinauf. Über allem steht der Monte Santa Trega mit seinem freigelegten Castro. Der Weg verlangt den Aufstieg nicht. Viele gehen trotzdem hoch, und wer es tut, sollte es ohne Rucksack tun.
Nördlich der Stadt merkt man sofort, dass sich etwas geändert hat. Die Berge treten hier bis ans Wasser. Die Küste ist felsig statt sandig, der Wind kommt ungebremst, und die Holzstege der letzten Tage sind vorbei. Stattdessen: Radwege, Promenaden, streckenweise der Gehweg neben der Straße. Die Strecke bis Oia ist flach und läuft sich schnell. Danach wird sie zäh.
Nach knapp siebzehn Kilometern Oia, und Oia ist kaum mehr als eine Straße am Wasser. Das Kloster Santa María steht so dicht am Meer, dass die Gischt bei Sturm an die Mauern kommt. Zisterzienser, mittelalterlich, mit einer Barockfassade, die aufs Wasser blickt. Man geht daran vorbei, nicht hindurch, und das ist symptomatisch für diesen Weg. Die großen Dinge stehen am Rand.

Hinter Oia rückt der Weg von der Küste ab, um Cabo Silleiro herum. Kurze Anstiege auf Erde und Stein, nichts Schweres, aber sie ziehen. Dann öffnet sich die Ría de Vigo, und unten liegt Baiona.
Am fünften Tag passiert etwas, das ich vorher nicht kannte. Der Körper läuft von selbst. Er fragt nicht mehr nach. Und weil er nicht mehr fragt, ist der Kopf endgültig frei.

Das ist der Punkt, an dem Alleingehen aufhört, anstrengend zu sein, und anfängt, nützlich zu sein. Die ersten Tage räumt man auf. Ab jetzt denkt man tatsächlich nach, in einem Tempo, das man im Alltag nie hat. Vier Stunden an einem Thema, ohne Unterbrechung, ohne dass jemand eine andere Frage stellt.
Baiona hat eine enge Altstadt und eine Festung über dem Hafen. Abends ist der Ort voller Pilger, und ich habe an dem Tag mehr geredet als in den zwei Tagen davor zusammen. Beides gehört zusammen. Ohne den stillen Vormittag wäre der Abend nur Gesellschaft gewesen.

In Redondela wird es eng
Hinter Vigo führt der Weg hoch über der Ría entlang. Dann erreicht er Redondela, und dort trifft der Küstenweg auf den Hauptweg aus dem Landesinneren. Von einem Kilometer auf den nächsten ist man nicht mehr allein.

Von Baiona nach Vigo sind es sechsundzwanzig Kilometer, und ein Teil davon ist unerfreulich. Der Weg führt durch Vororte, an Straßen entlang, durch Nigrán und Coruxo. Man kann an der Küste bleiben, das ist schöner und etwas kürzer. Beschildert ist die Landvariante.
Vigo ist die größte Stadt seit Porto und die einzige, in der ich mich verlaufen habe. Der Weg hindurch folgt teils dem Lauf des Lagares, teils den Vierteln Coia und Teis. Es ist Asphalt, es ist laut, und es dauert.
Danach kommt die Entschädigung. Der Weg verlässt die Stadt über die Senda da Traída das Augas, einen Höhenweg rund hundert Meter über dem Wasser. Der Name kommt von einer alten Wasserleitung. Wald, Schatten, links die Hänge, rechts die ganze Ría de Vigo. Draußen liegen die Cíes-Inseln. Zwei Stunden lang ist das der beste Weg der ganzen Strecke.
Dann Redondela, und Redondela ist eine Zäsur.

Der Ort wird nach seinen Eisenbahnviadukten benannt. Zwei davon überspannen ihn, und man geht darunter hindurch. Hier trifft der Küstenweg auf den Camino Portugués aus dem Landesinneren, den Weg über Tui. Das ist die stärker begangene Route. Man merkt es nicht allmählich, sondern sofort. Plötzlich sind Gruppen unterwegs. Plötzlich muss man an Kreuzungen warten. Plötzlich sind die Herbergen voll, wenn man um vier ankommt.
Ich habe an diesem Nachmittag verstanden, warum ich die Küste genommen hatte, ohne es vorher begründen zu können.
Die Senda Litoral ist die am schlechtesten markierte der drei portugiesischen Varianten. Man braucht öfter das Handy, man geht öfter falsch, man ist öfter allein. Genau das ist ihr Wert. Fünf Tage lang war der Weg leer genug, dass Denken möglich war. Ab Redondela ist er das nicht mehr.

Das ist kein Verlust, sondern ein Wechsel. Die letzten hundert Kilometer nach Santiago sind laut und voll und gesellig, und das hat seinen eigenen Reiz. Aber wer diese Strecke nur ab Tui oder ab Vigo läuft, bekommt ausschließlich diesen Teil.
Wer allein gehen will, muss früh anfangen. Am besten in Porto. Neun Tage sind dafür genug. Fünf wären es nicht.

Drei Tage ohne Meer
Hinter Redondela verschwindet der Atlantik. Drei Tage durch galicisches Binnenland, über eine römische Brücke, durch Pontevedra und Caldas de Reis bis Padrón. Der Weg wird gewöhnlicher und die Abende voller.

Hinter Redondela überquert der Weg die alte Brücke von Ponte Sampaio. Römischen Ursprungs, bekannt aus einer Schlacht gegen die napoleonischen Truppen, und an diesem Morgen voller Menschen mit Rucksäcken. Vorher noch Arcade, das für seine Austern bekannt ist und um acht Uhr früh nichts davon zeigt.
Dann Pontevedra. Die Altstadt gehört zu den besseren in Galicien und kommt ohne Autos aus. Nach Tagen am Straßenrand fällt das auf. An ihrem Rand steht das Heiligtum der Virxe Peregrina, dessen Grundriss einer Jakobsmuschel nachgebildet ist. Es ist die erste Kirche auf der ganzen Strecke, die ausdrücklich für Leute gebaut wurde, die vorbeikommen.
Ab hier verschwindet das Meer. Der Weg geht landeinwärts, durch Wald, an Feldern und Weinreben entlang. Caldas de Reis lebt von heißen Quellen, der Name sagt es. Dann Valga, dann Pontecesures, der alte Hafen von Compostela. Der Ulla ist breit und träge, und dahinter beginnt die Provinz A Coruña.
Diese drei Tage sind die unspektakulärsten des ganzen Weges. Kein Atlantik, keine Klippen, keine Stege. Dafür Eukalyptus, Granit, Hohlwege und Regen, der kommt und geht. Es riecht nach nassem Holz.

Und sie sind die geselligsten.
Ab Redondela geht man in einem Strom. Man trifft dieselben Gesichter am Morgen, mittags in derselben Bar, abends in derselben Herberge. Man kennt die Namen nicht, nur die Rucksäcke. Es entsteht so etwas wie ein wanderndes Dorf, und nach fünf Tagen weitgehender Stille ist das ein Geschenk. Man redet über Füße, Rucksackgewicht und Gründe. Vor allem über Gründe. Es gibt kaum jemanden, der diesen Weg ohne einen läuft.
Aber jeder Morgen fängt wieder allein an.

Das ist der Rhythmus, für den ich diese Route empfehle. Tagsüber bist du in deinem eigenen Kopf, abends in fremden Geschichten, und am nächsten Morgen bist du wieder bei dir. Zu zweit hast du beides nicht. Du hast den ganzen Tag jemanden dabei und abends weniger Grund, dich an einen fremden Tisch zu setzen.
In Padrón liegt in der Kirche Santiago der Pedrón, der Stein aus der Legende. Ein Granitblock unter dem Hauptaltar. Es sind noch fünfundzwanzig Kilometer.

Die letzten fünfundzwanzig Kilometer
Der letzte Tag ist kurz, und er ist der vollste. Von Padrón über Iria Flavia und Milladoiro nach Santiago de Compostela. Am Ende steht ein Platz, auf dem niemand allein ist. Und die Frage, wofür die neun Tage davor gut waren.

Der letzte Tag ist der einzige, an dem ich vor dem Wecker wach war.
Von Padrón sind es fünfundzwanzig Kilometer. Iria Flavia, A Escravitude, dann Milladoiro, das inzwischen an Santiago angewachsen ist. Landschaftlich passiert wenig, die letzten Kilometer sind Asphalt, und niemanden stört es. Man geht durch Vororte und merkt an den Menschen, dass etwas zu Ende geht. Alle sind schneller als nötig.
Santiago fängt nicht mit der Kathedrale an, sondern mit Verkehr. Dann eine Unterführung, dann Straßen, die enger werden, dann die Porta do Camiño, und ab dort ist es Altstadt. Der Boden wechselt auf Granit. Das Geräusch der eigenen Schritte ändert sich.
Auf die Praza do Obradoiro kommt man von der Seite, durch einen Durchgang unter dem Bischofspalast. Der Platz ist größer, als er auf Fotos wirkt. Es gibt einen Dudelsackspieler, es gibt zweihundert Leute, und die meisten weinen nicht, sondern setzen erst einmal den Rucksack ab.
Ich stand da ungefähr zehn Minuten und habe nichts Bestimmtes gefühlt. Das ist kein Mangel. Das ist normal. Der Weg macht seine Arbeit unterwegs und nicht am Ziel.

Was bleibt, ist nicht die Kathedrale.
Was bleibt, sind die Vormittage zwischen Póvoa und Esposende, an denen nichts passiert ist außer Brettern und Wind. Die vier Stunden hinter Oia, an denen ich einen Gedanken zu Ende gedacht habe, der seit Jahren offen war. Der Anleger in Caminha. Die Stelle in Redondela, an der es voll wurde und ich gemerkt habe, was ich vorher gehabt hatte.
Zu zweit wäre das nicht passiert. Zu zweit wäre es eine gute Reise geworden, mit schönen Fotos und gemeinsamen Abenden. Es wäre eine Reise geblieben.

Allein wird daraus etwas anderes. Man ist neun Tage lang ohne Ablenkung mit sich selbst unterwegs, und das ist streckenweise unangenehm. Es ist auch das Einzige an diesem Weg, das man nicht zu Hause haben kann.
Die Compostela holst du dir in der Rúa das Carretas. Es ist ein Stück Papier. Neun Tage, rund 280 Kilometer, ein Paar Schuhe, die danach nicht mehr zu gebrauchen waren. Das Eigentliche liegt hinter dir.

Redakteur: Frank Nitze

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